Nachfolge statt Stilllegung: Wie ein Lebenswerk weiterlebt
Immer mehr Inhaber im Mittelstand planen die Stilllegung statt der Übergabe. Warum eine Übernahme meist mehr erhält als eine Liquidation.

Ein Unternehmen über Jahrzehnte aufzubauen, ist eine Lebensleistung. Umso bitterer ist es, wenn am Ende niemand da ist, der es weiterführt. Genau das droht derzeit in einer Größenordnung, die es in Deutschland lange nicht gab: Erstmals planen mehr mittelständische Inhaber, ihr Unternehmen zu schließen, als es an einen Nachfolger zu übergeben.
Dieser Beitrag ordnet die aktuellen Zahlen ein, zeigt, was bei einer Stilllegung tatsächlich verloren geht, und beschreibt, welche Wege es gibt, damit ein Unternehmen weiterlebt.
Die Zahlen: eine Lücke, die sich öffnet
Das Nachfolge-Monitoring Mittelstand der KfW vom Januar 2026 beruht auf einer Befragung von mehr als 13.000 Unternehmen. Es zeichnet ein deutliches Bild:
- Von rund 3,87 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen wollen etwa 545.000 bis Ende 2029 eine Nachfolge regeln. Das sind rund 109.000 pro Jahr.
- Gleichzeitig planen rund 569.000 Inhaberinnen und Inhaber bis Ende 2029 eine Stilllegung, etwa 114.000 pro Jahr. Jedes vierte Unternehmen erwägt die Aufgabe.
- 57 % der Inhaber sind 55 Jahre oder älter, zusammen mehr als zwei Millionen Menschen. Vor 20 Jahren lag dieser Anteil bei 20 %.
- Als Gründe für eine geplante Stilllegung nennen 52 % das Rentenalter, 47 % fehlendes Interesse in der Familie und 42 % die Bürokratie. Mehrfachnennungen waren möglich.
- 69 % aller Mittelständler sehen die Suche nach einem passenden Nachfolger als größte Hürde.
Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn rechnet anders und kommt zu einer kleineren, aber nicht weniger ernsten Zahl. Es zählt nur Familienunternehmen, deren erwarteter Gewinn mindestens so hoch ist wie ein Gehalt aus Anstellung plus Kapitalertrag. Von diesen stehen 2026 bis 2030 rund 186.000 zur Übergabe an, etwa 37.000 pro Jahr. Das sind 4.000 weniger als im vorherigen Zeitraum. Grund ist nicht ein geringerer Bedarf, sondern die schwächere Ertragslage vieler Betriebe. Das IfM hält seine eigene Schätzung für „vermutlich noch optimistisch".
Beide Zahlen widersprechen sich nicht. Die KfW erfasst die Pläne aller kleinen und mittleren Unternehmen einschließlich Solo-Selbständiger. Das IfM schätzt, was am Markt tatsächlich übernehmbar ist.
Aus der Beratungspraxis der Industrie- und Handelskammern kommt der dritte Blick. Der DIHK-Report Unternehmensnachfolge 2025 zählt 9.636 beratene Senior-Unternehmer, der höchste Wert seit 2007. Ihnen stehen nur 4.016 Übernahme-Interessenten gegenüber. Für rechnerisch 5.620 Unternehmen fehlt damit ein Kandidat, und diese Lücke hat sich seit 2019 fast verdoppelt. 27 % der Beratenen erwägen eine Schließung.
Warum so viele Unternehmen ohne Nachfolger bleiben
Die Familie ist nicht mehr der Normalfall
Tatsächlich umgesetzte Nachfolgen gehen laut einer Metaanalyse des IfM über 23 Studien nur noch zu gut der Hälfte an die eigene Familie. 17 % der Unternehmen übernehmen Beschäftigte, 29 % gehen an Externe. Wer auf die nächste Generation gesetzt hat, steht deshalb immer häufiger ohne Plan B da.
Es fehlen Menschen, die übernehmen wollen
Nur 17 % der Gründerinnen und Gründer des Jahres 2024 haben ein bestehendes Unternehmen übernommen oder sich daran beteiligt. Seit 2002 hat sich dieser Anteil laut KfW mehr als halbiert. Die demografische Welle trifft auf eine schmale Gruppe möglicher Käufer.
Die Vorbereitung beginnt zu spät
Die IHKs empfehlen, drei bis zehn Jahre vor der Übergabe mit der Vorbereitung zu beginnen, spätestens drei Jahre vorher mit der Suche und spätestens zwölf Monate vorher mit der eigentlichen Übergabe. In der Praxis melden sich drei Viertel der Inhaber erst zwei Jahre vorher oder noch später. 38 % gelten als schlecht vorbereitet, 70 % haben keinen Notfallplan für den Fall, dass sie plötzlich ausfallen.
Preis und Loslassen
36 % der Senior-Unternehmer verlangen laut DIHK einen überhöhten Kaufpreis, 28 % fällt das Loslassen schwer. Die KfW beziffert den angestrebten Kaufpreis im Mittelstand auf durchschnittlich 499.000 €, der Median liegt bei 375.000 €. Auf der Käuferseite haben fast vier von zehn Interessenten Probleme, die Übernahme zu finanzieren.
Der Investitionsstau vor der Übergabe
Unternehmen mit kurzfristigen Nachfolgeplänen investieren laut KfW rund 32 % weniger. Das ist nachvollziehbar: Wer bald abgibt, scheut große Ausgaben. Aber jedes Jahr ohne Investition macht das Unternehmen für einen Nachfolger weniger attraktiv. So entsteht ein Kreislauf, der am Ende in die Stilllegung führen kann.
Liquidation: Was dabei tatsächlich verloren geht
Eine Stilllegung wirkt auf den ersten Blick wie der einfachere Weg: keine Käufersuche, keine Verhandlungen, keine Due Diligence. Die Rechnung sieht anders aus.
Der Wert des laufenden Betriebs
In der Unternehmensbewertung gilt der Liquidationswert als Untergrenze des Unternehmenswerts. Davon gehen noch die Kosten der Abwicklung ab, gegebenenfalls ein Sozialplan und Steuern auf aufgedeckte stille Reserven. Was bei einer Zerschlagung weitgehend verloren geht, taucht in keiner Bilanz vollständig auf: der Kundenstamm, laufende Aufträge, eingespielte Prozesse, das Know-how der Belegschaft, der Name im Markt. Maschinen und Lagerbestände, die unter Zeitdruck einzeln verkauft werden, bringen erfahrungsgemäß deutliche Abschläge.
Keine steuerliche Abkürzung
Steuerlich wird die Aufgabe eines Betriebs nach § 16 Einkommensteuergesetz wie ein Verkauf behandelt. Nicht veräußerte Wirtschaftsgüter werden mit dem gemeinen Wert angesetzt. Der Freibetrag von 45.000 € ab dem 55. Lebensjahr gilt nur einmal und schmilzt ab einem Gewinn von 136.000 € ab. Eine Stilllegung bringt also keinen eigenen Steuervorteil. Der Unterschied liegt allein im Wert, der am Ende erzielt wird.
Zeit, Pflichten, Haftung
Wer schließt, muss Arbeitsverhältnisse beenden, und die gesetzlichen Kündigungsfristen reichen nach § 622 BGB bei langjähriger Betriebszugehörigkeit bis zu sieben Monate. Bei einer GmbH darf das verbleibende Vermögen nach § 73 GmbHG erst ein Jahr nach dem Aufruf an die Gläubiger verteilt werden, und Liquidatoren haften bei Verstößen. Eine Abwicklung bindet den Inhaber also oft länger, als er erwartet.
Eine ehrliche Einschränkung
Nicht jede geplante Stilllegung betrifft ein gesundes Unternehmen. Eine frühere Auswertung der KfW (Daten aus 2020) zeigt: Betriebe mit Stilllegungsplänen sind im Schnitt deutlich weniger rentabel. 34 % schrieben Verluste, der mittlere Jahresgewinn lag bei 5.000 € gegenüber 40.000 € im gesamten Mittelstand. Gerade dann lohnt sich die Frage, ob ein Erwerber mit Kapital und operativer Erfahrung das Bild verändern kann — etwa durch Investitionen, die der bisherige Inhaber nicht mehr tätigen wollte.
Übernahme: Was sie erhält
Eine Übernahme erhält, was eine Liquidation zerstört.
- Arbeitsplätze: Beim Kauf der Gesellschaftsanteile bleibt der Arbeitgeber ohnehin derselbe. Bei einem Betriebsübergang gehen die Arbeitsverhältnisse nach § 613a BGB auf den Erwerber über, eine Kündigung wegen des Übergangs ist unwirksam.
- Prozesse, Produkte, Lieferketten und Kundenbeziehungen bleiben erhalten. Die KfW hebt das ausdrücklich für Übergaben an Management und Mitarbeiter hervor, es gilt aber für jede Fortführung.
- Der Standort und der Name: Ausbildungsplätze, Zulieferer in der Region, das Vertrauen von Kunden, die seit Jahrzehnten bestellen.
- Für den Inhaber: ein Kaufpreis statt eines Abwicklungserlöses, und oft die Möglichkeit, den Übergang aktiv mitzugestalten — etwa durch eine befristete Mitarbeit, eine Rückbeteiligung oder eine beratende Rolle.
Das Lebenswerk lebt weiter. Und das ist mehr als ein emotionales Argument: Es ist in den meisten Fällen auch das wirtschaftlich bessere Ergebnis.
Wege der Übergabe
Welche Wege sich Inhaber wünschen, zeigt die KfW-Befragung (Mehrfachnennungen möglich): 55 % denken an die Familie, 42 % an einen externen Käufer, 28 % an Mitarbeiter und 24 % an Miteigentümer oder das bestehende Management.
- Familie: emotional naheliegend, aber nur tragfähig, wenn die nächste Generation das Unternehmen führen will und kann.
- Management-Buy-out: Das bestehende Management übernimmt. Es kennt den Betrieb, braucht aber meist Kapital und Unterstützung bei der Finanzierung.
- Mitarbeiter oder externes Management: Ein Management-Buy-in bringt neue Führung von außen, oft kombiniert mit Kapitalgebern.
- Strategischer Käufer: ein Wettbewerber, Kunde oder Lieferant, der das Unternehmen in seine Gruppe integriert.
- Operativer Erwerber mit eigenem Kapital: ein Investor, der nicht nur Geld mitbringt, sondern selbst Verantwortung in der Geschäftsführung übernimmt und das Unternehmen fortführt.
Wann es Zeit ist zu handeln
Die wichtigste Regel ist einfach: früher, als es sich richtig anfühlt. Konkret heißt das:
- einen Notfallplan anlegen: Vollmachten, Zugänge, Verträge, Ansprechpartner
- die Abhängigkeit vom Inhaber verringern: Entscheidungen, Kundenkontakte und Wissen auf mehrere Schultern verteilen
- Unterlagen ordnen: Jahresabschlüsse, Verträge, Genehmigungen, Zustand der Anlagen
- eine realistische Bewertung einholen, bevor ein Preis im Kopf feststeht
- Investitionen nicht aufschieben, nur weil die Übergabe näher rückt
- Gespräche mit möglichen Nachfolgern und Erwerbern führen, solange noch Zeit für mehrere Optionen bleibt
Was sich 2026 verändert
Zwei Entwicklungen verdienen Aufmerksamkeit. Das Bundesverfassungsgericht verhandelt am 13. Oktober 2026 über die Verschonung von Betriebsvermögen bei der Erbschaftsteuer (Az. 1 BvR 804/22). Wann und wie es entscheidet, ist offen. Für Inhaber, die eine Übertragung innerhalb der Familie planen, kann das Urteil die Rechnung verändern.
Auf europäischer Ebene hat die EU-Kommission im Juni 2026 eine Empfehlung veröffentlicht, die Übergabe kleiner und mittlerer Unternehmen zu erleichtern — mit Plattformen, die Verkäufer und Käufer zusammenbringen, und steuerlichen wie rechtlichen Erleichterungen. Allein in der EU gab es 2024 fast 8,9 Millionen Selbständige im Alter von 55 Jahren und mehr. Die Nachfolgefrage ist kein deutsches Sonderproblem.
Wie Evoraxia Nachfolge versteht
Für Eigentümer ohne Nachfolger im Haus steht bei uns ein klares Ziel: geordnete Übernahme, Fortführung des Betriebs und Erhalt des Unternehmens.
Wir bringen dafür eigenes Kapital mit und investieren selbst — als Eigen- und Fremdkapital. Je nach Situation übernehmen wir das Unternehmen vollständig oder beteiligen uns als Miteigentümer. Wir besetzen die Geschäftsführung selbst oder stehen der bestehenden Führung zur Seite, und wir können auf die operativen Ressourcen unserer eigenen Produktionsunternehmen zurückgreifen. Ein gestaffelter Übergang, bei dem der bisherige Inhaber eine Zeit lang an Bord bleibt, ist dabei oft der beste Weg.
Ein erstes Gespräch ist vertraulich und unverbindlich. Es lohnt sich, bevor die Entscheidung zur Stilllegung gefallen ist.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts-, Steuer- oder Unternehmensberatung im Einzelfall. Stand der Zahlen: September 2026.


