Produktion nach Osteuropa: Wann sich die Verlagerung rechnet
Eine Arbeitsstunde in der Industrie kostet in Deutschland rund viermal so viel wie in Rumänien. Warum Verlagerung trotzdem kein Selbstläufer ist.

Das Muster ist in vielen Branchen dasselbe: Entwicklung, Vertrieb und hochautomatisierte Fertigung bleiben in Deutschland, die arbeitsintensiven Schritte wandern nach Osten. Montage, Konfektion, Kabelsätze, Nacharbeit — dort, wo viele Hände gebraucht werden, entscheidet der Stundensatz. Und der liegt in Rumänien, Bulgarien oder Ungarn bei einem Bruchteil des deutschen Niveaus.
Gleichzeitig kehren Unternehmen immer wieder zurück, weil die Rechnung am Ende nicht aufging. Dieser Beitrag zeigt die aktuellen Zahlen, den Trend und die Kosten, die in keinem ersten Angebot stehen.
Der Abstand in Euro
Eurostat und das Statistische Bundesamt veröffentlichen jedes Jahr die Arbeitskosten je geleistete Stunde. Für das Verarbeitende Gewerbe 2025 ergibt sich:
- Deutschland: 49,50 €
- EU-Durchschnitt: 35,00 €
- Tschechien: 20,20 €
- Polen: 17,10 €
- Ungarn: 15,60 €
- Rumänien: 12,00 €
- Bulgarien: 10,20 €
Eine Industriestunde kostet in Deutschland also etwa viermal so viel wie in Rumänien. In der Gesamtwirtschaft liegt Deutschland bei 45,00 €, Rumänien bei 13,60 €. Auffällig ist der Anteil der Lohnnebenkosten: Er beträgt in Rumänien nur 4,8 %, der niedrigste Wert in der EU. Der EU-Durchschnitt liegt bei 24,8 %.
Zum Vergleich in Landeswährung: Der gesetzliche Mindestlohn in Rumänien liegt seit dem 1. Juli 2026 bei 4.325 Lei brutto im Monat, der Durchschnittslohn im Juni 2026 bei 9.564 Lei brutto. Bei einem Kurs von rund 5,25 Lei je Euro entspricht das etwa 825 € beziehungsweise 1.820 €.
Der Trend: Verlagerung ist wieder ein Thema
Mehrere aktuelle Befragungen zeigen, wie ernst deutsche Unternehmen die Frage nehmen:
- DIHK Energiewende-Barometer 2026: Rund 20 % aller Unternehmen befassen sich damit, Investitionen oder Kapazitäten ins Ausland zu verlagern. In der Industrie sind es rund 40 %, bei großen Industrieunternehmen rund 60 %. Etwa ein Drittel der großen Industriebetriebe verlagert bereits. Hauptgrund sind die Energiekosten.
- DIHK-Umfrage Auslandsinvestitionen 2026: 43 % der Industrieunternehmen planen Investitionen im Ausland. Für 41 % ist Kostenersparnis das Motiv — der höchste Wert seit 2003. Von diesen wollen 47 % im Inland Stellen abbauen.
- KfW Research, September 2026: 29 % der auslandsaktiven Mittelständler im Verarbeitenden Gewerbe planen eine Verlagerung in den nächsten fünf Jahren. Die KfW selbst erwartet, dass tatsächlich rund 7 % der industriellen Mittelständler Teile ihrer Produktion verlagern.
- KPMG und Ost-Ausschuss, CEE Business Outlook 2026: 26 % der befragten Unternehmen erwägen, Produktion aus Deutschland nach Mittel- und Osteuropa zu verlagern. Konkrete Pläne für die nächsten zwölf Monate haben nur 4 %. Bevorzugte Standorte sind Polen (56 %), die Ukraine (43 %) sowie Rumänien und Tschechien (je 35 %).
Die Zahlen zeigen zweierlei: Der Kostendruck ist real und groß. Und zwischen dem Nachdenken über eine Verlagerung und ihrer Umsetzung liegt ein weiter Weg.
Warum die Lücke kleiner wird
Die niedrigen Stundensätze sind eine Momentaufnahme. Von 2020 bis 2025 stiegen die Arbeitskosten je Stunde in der Gesamtwirtschaft sehr unterschiedlich:
- Deutschland: +22 %
- Tschechien: +36 %
- Ungarn: +55 %
- Rumänien: +66 %
- Polen: +75 %
- Bulgarien: +82 %
Der Abstand in Euro schrumpft also Jahr für Jahr. Wer heute eine Verlagerung mit den heutigen Löhnen rechnet, rechnet mit Zahlen, die in fünf Jahren nicht mehr stimmen. Bei Ländern außerhalb der Eurozone kommt das Wechselkursrisiko hinzu.
Produktivität als Gegengewicht
Den niedrigeren Löhnen steht eine geringere Produktivität gegenüber. Je geleistete Arbeitsstunde, bereinigt um Preisniveaus (EU = 100), lag Deutschland 2025 bei 124, Tschechien bei 80, Rumänien bei 76, Ungarn bei 70, Polen bei 68 und Bulgarien bei 59. Rumänien hat seit 2015 stark aufgeholt, damals lag der Wert bei 53. Die Zahlen lassen sich nicht direkt mit den Arbeitskosten in Euro verrechnen, sie zeigen aber die Richtung: Ein Teil des Lohnvorteils geht durch geringere Leistung je Stunde verloren.
Umgekehrt gleicht die höhere Produktivität in Deutschland den Kostennachteil nicht aus. Das Institut der deutschen Wirtschaft beziffert die Lohnstückkosten der deutschen Industrie 2024 auf 22 % über dem Durchschnitt von 27 Vergleichsländern.
Standortrisiken am Beispiel Rumänien
Rumänien ist ein etablierter Standort. Die Deutsch-Rumänische Industrie- und Handelskammer zählt rund 8.500 aktive Unternehmen mit deutscher Beteiligung und etwa 220.000 direkten Arbeitsplätzen. Zulieferer der Automobilindustrie sitzen vor allem im Westen des Landes, etwa in Timiș und Arad, und in Zentralrumänien rund um Sibiu, Cluj, Alba und Brașov.
Die Rahmenbedingungen haben sich aber eingetrübt. Das Haushaltsdefizit lag 2025 bei rund 7,9 % des Bruttoinlandsprodukts, dem höchsten Wert in der EU. Rumänien steckt in einem Defizitverfahren der EU, die Mehrwertsteuer wurde im August 2025 auf 21 % angehoben. Germany Trade & Invest erwartet für 2026 nur 0,5 % Wachstum bei 6,8 % Inflation. Und die deutsche Handelskammer vor Ort nennt steigende Arbeitskosten und fehlende Fachkräfte als Hauptsorgen ihrer Mitglieder.
Die Kosten, die in keinem ersten Angebot stehen
Eine der gründlichsten Untersuchungen zum Thema stammt vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI im Auftrag des VDI. Die Daten sind älter (2013 bis Mitte 2015), neuere Erhebungen dieser Tiefe gibt es nicht. Die Ergebnisse sind trotzdem aufschlussreich:
- Nur 9 % der Industriebetriebe hatten in diesem Zeitraum verlagert.
- Auf etwa jeden dritten Verlagerer kam ein Rückverlagerer.
- Mehr als die Hälfte der Verlagerungen ging in die neuen EU-Staaten Mittel- und Osteuropas.
- Als Gründe für die Rückkehr nannten jeweils mehr als 50 % den Verlust an Flexibilität und Lieferfähigkeit sowie Qualitätsprobleme, rund 25 % unterschätzte Koordinations- und Betreuungskosten.
In einer älteren Erhebung des ISI (2004 bis 2006) nannten sogar rund sieben von zehn Rückverlagerern Qualitätsprobleme.
Was in der Kalkulation typischerweise fehlt:
- Anlaufkurve: Neue Mitarbeiter, neue Prozesse und neue Lieferanten brauchen Monate, bis Ausschuss und Taktzeiten das Zielniveau erreichen.
- Doppelstrukturen: In der Übergangszeit laufen zwei Standorte parallel, mit doppelten Kosten und doppeltem Führungsaufwand.
- Logistik und Bestände: Längere Wege bedeuten höhere Lagerbestände, mehr gebundenes Kapital und längere Reaktionszeiten.
- Qualitätssicherung und Betreuung: Reisen, Audits, Schulungen, Nacharbeit — Kosten, die selten einer einzelnen Kostenstelle zugeordnet werden.
- Know-how-Abfluss: Wer Montage verlagert, verlagert oft auch Wissen über das Produkt.
- Der Rückweg: Eine Rückverlagerung ist teuer. Maschinen, Mitarbeiter und Kundenvertrauen lassen sich nicht einfach zurückholen.
Modelle: von der verlängerten Werkbank bis zum eigenen Werk
Lohnfertigung als Dienstleistung
Bei der verlängerten Werkbank, auch Lohnveredelung genannt, übernimmt ein Partner im Ausland die arbeitsintensiven Schritte als Dienstleistung. Material und Vorprodukte kommen vom Auftraggeber, zurück kommt das veredelte Teil. Das Modell ist in der Bekleidungsindustrie seit Jahrzehnten verbreitet, Rumänien gilt dort als wichtigster Lieferant in Mittel- und Osteuropa. Der Vorteil: geringe Investitionen, schneller Start. Der Nachteil: wenig Kontrolle über Qualität, Kapazität und Prioritäten des Partners.
Zollrechtlich ist das innerhalb der EU unkompliziert. Rumänien und Bulgarien gehören zum Binnenmarkt, ein Zollverfahren entfällt. Bei Drittländern wie Serbien ermöglicht die passive Veredelung, dass bei der Wiedereinfuhr nur die im Ausland erbrachte Wertschöpfung verzollt wird.
Teilverlagerung
Automatisierte und kritische Schritte bleiben am Stammsitz, manuelle Arbeit wandert in ein eigenes oder partnerschaftliches Werk. Dieses Modell kombiniert Kostenvorteile mit Kontrolle über den Kern des Produkts, verlangt aber saubere Schnittstellen und eine starke Qualitätssicherung.
Eigenes Werk oder Joint Venture
Ein eigenes Werk bietet die meiste Kontrolle und langfristig oft die besten Kosten. Es bindet aber Kapital und Management über Jahre. Ein Joint Venture mit einem lokalen Partner senkt Anlaufrisiken, schafft dafür neue Abhängigkeiten.
Die Alternative: Automatisierung
Die ISI-Daten zeigen einen bemerkenswerten Zusammenhang: Stark digitalisierte Betriebe verlagerten rund zehnmal häufiger zurück als wenig digitalisierte — etwa 5 % gegenüber 0,5 %. Wer automatisiert, braucht weniger Hände, und dann verliert der Stundensatz an Gewicht.
Die Rechnung vor der Entscheidung
Bevor eine Verlagerung beschlossen wird, sollten diese Fragen belastbar beantwortet sein:
- Gesamtkosten statt Stundensatz: Was kostet ein fertiges Teil beim Kunden — mit Ausschuss, Logistik, Beständen, Betreuung und Qualitätssicherung?
- Lohnentwicklung: Wie sieht die Rechnung aus, wenn die Löhne vor Ort weiter um 8 bis 10 % im Jahr steigen?
- Anlaufkosten: Wie lange dauert es realistisch, bis Qualität und Produktivität stehen, und wer finanziert diese Zeit?
- Energie und Standortrisiken: Energiepreise, Steuern, politische Stabilität, Wechselkurs.
- Fördermittel: Rumänien stehen aus der EU-Kohäsionspolitik 2021 bis 2027 rund 31,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Welche Programme passen, und welche Auflagen hängen daran?
- Automatisierung als Vergleich: Was kostet es, denselben Schritt am bestehenden Standort zu automatisieren?
- Führung und Umsetzung: Wer baut den neuen Standort auf, wer steuert ihn — und wer hält den Stammsitz in der Übergangszeit stabil?
Wo Evoraxia ansetzt
Die Frage nach der Verlagerung stellt sich besonders oft in Restrukturierungen: Wenn die Kostenbasis nicht mehr trägt, stehen Verlagern, Automatisieren und Bereinigen nebeneinander auf dem Tisch. Wir bringen dafür mehr mit als eine Analyse. Wir investieren eigenes Kapital, übernehmen Verantwortung in der Geschäftsführung und kennen Produktion aus eigener Erfahrung — mit einem Team, das Produktionstechnik, Restrukturierung und Finance abdeckt, und mit den Ressourcen unserer eigenen Produktionsunternehmen.
Ob eine Verlagerung der richtige Weg ist, entscheidet sich an der Gesamtrechnung. Ein erstes Gespräch darüber ist vertraulich und unverbindlich.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts-, Steuer- oder Unternehmensberatung im Einzelfall. Euro-Werte für Länder außerhalb der Eurozone hängen vom Wechselkurs ab. Stand der Zahlen: September 2026.


